+++ Leserbrief vom 12. Juli 2002 +++
zur Unsitte, Kandidaten kleiner Parteien nicht zu Podiumsdiskussionen einzuladen
Ich mache mir ernsthaft
Sorgen um die politische Kultur hierzulande, wenn ich zum wiederholten
Male in der Zeitung von einer Podiumsdiskussion zur Bundestagswahl lese,
zur der wieder einmal nicht alle Kandidaten eingeladen wurden, wo also
der Veranstalter bereits eine Vorauswahl in seinem Sinne getroffen hat
- so geschehen am letzten Dienstag in Weißenau bei einer Veranstaltung
der Betriebsseelsorge und des KAB-Bezirks Bodensee, zu der die Vertreterin
der Ökologisch-Demokratischen Partei (ödp), Sylvia Hiß,
nicht eingeladen wurde.
Da stellt sich mir die Frage: welche Absicht steckt dahinter? Will der
Veranstalter möglicherweise gar nicht wirklich informieren, sondern
manipulieren, dem ihm nahestehenden politischen Lager zum Wahlsieg verhelfen?
Will er dazu beitragen, dass in der Bundesrepublik alles beim alten bleibt,
und gibt deshalb neuen politischen Kräften keine Chance, ihre Konzepte
vorzustellen? Oder hält er das Publikum, und damit die Wähler
und Wählerinnen, also uns alle, für nicht reif genug, sich eine
eigene politische Meinung zu bilden, und will sie deshalb bevormunden?
Fest steht jedenfalls: Wenn zu einer Wahl fünf Kandidaten antreten,
und man lädt davon nur vier zu einer Podiumsdiskussion ein, gibt
also einem von ihnen keine Chance, seine Positionen zu vertreten, so ist
dies kein Zeichen für ein ausgeprägtes Demokratieverständnis.
Wirklich demokratische Wahlen sind doch nur möglich, wenn die Bürger
vorher die Möglichkeit haben, sich über alle antretenden Parteien
und Kandidaten zu informieren, zu vergleichen und sich dann für einen
Kandidaten ihres Vertrauens zu entscheiden. Bei einer Podiumsdiskussion,
zu der nicht alle Kandidaten eingeladen sind, ist dies aber nicht möglich.
Dass es auch anders geht, hat beispielsweise das Katholische Jugendreferat
Weingarten bewiesen. Dieses hat wahres Demokratieverständnis gezeigt,
indem es wirklich alle Kandidaten zu einer Podiumsdiskussion eingeladen
hat.
Christine Stuckenbrock
Friedrichshafen
Mitglied im Gemeinderat
(siehe auch Leserbriefantwort
von Werner Langenbach)